Eingeschneit "Tante Emma zieht weg"

Ein modernes Märchen

 

Eines Morgens schauten die Leute eines kleinen Dorfes irgendwo im Harz verschlafen aus ihren Fenstern und trauten ihren Augen nicht. Sie waren eingeschneit! Bis hoch zu den Fensterscheiben ihrer niedrigen Häuser war alles im dicken, in der Sonne wie unzählige Diamanten glitzerndem Schnee versunken. "So etwas hat es doch noch nie gegeben!" "Nie im Leben!" "Doch nicht bei uns!" Die Leute, verwundert über den starken nächtlichen Schneefall, versuchten eiligst, sich durch die Schneeberge zu kämpfen, weil sie zur Arbeit wollten oder sonstige Dinge zu tun hatten. Jedoch mussten sie ihr Vorhaben schon bald aufgeben, denn es war einfach kein Durchkommen. Also nichts wie zurück nach Hause ins gemütlich warme Heim.

Im Laufe des Tages fielen immer mehr dicke Flocken aus den Wolken herab auf die Erde und deckten die letzten Zweige der Bäume und Büsche zu, die im Frühjahr ihre zarten rose Blüten der Sonne entgegen hielten und die Bienen anlockten. Aber jetzt war von ihnen nichts mehr zu sehen, als ein großer weißer, glitzernder Berg. Ein Fortkommen war zwecklos, das hatten die Dorfbewohner mittlerweile begriffen.

Obwohl die Sonne ihre warmen Strahlen auf die Erde schickte, wurden die Schneemassen nicht weniger. Zwar schmolz die obere Schicht ein wenig, aber die Kälte verzauberte alles sogleich zu einer spiegelglatten Fläche, auf der nicht einmal eine gute Schuhsohle Halt fand. In den Stuben wurde das Holz in den Öfen angezündet, denn mittlerweile versagte auch die Stromversorgung. Nichts ging mehr! Was, wenn der Stromausfall länger dauerte und was, wenn die Lebensmittel knapp würden. Wie sollten sie dann ihr Essen kochen und wo sollten sie einkaufen?

Mit Sorgen sahen die Leute Weihnachten entgegen, welches in wenigen Tagen gefeiert werden sollte.  Mittlerweile war es kurz vor Heiligabend. In den Wohnzimmern wurden die Weihnachtsbäume aufgestellt und mit klammen Fingern geschmückt. Auf die Lichterkette konnte man in diesem Jahr getrost verzichten, denn ohne Strom funktionierte sie nicht. In Schubladen, Schränken und Kisten  suchten die Leute nach Kerzen, die sie früher mal an den Baum gesteckt hatten. Doch nichts mehr war vorhanden. Mittlerweile wurden auch die Lebensmittel knapp und der Weihnachtsbraten war noch nicht gekauft. Wie sollten sie in diesem Jahr die Ankunft des Jesuskindes gebührlich feiern? Die Straße zum nächsten Ort war nicht passierbar, weshalb auch der Lieferservice nicht funktionierte. Was tun? Ratlosigkeit machte sich breit!

Plötzlich erinnerten sich die Leute an den kleinen Tante Emma Laden in ihrem Dorf. Dieser war schon fast in Vergessenheit geraten, denn kaum jemand kaufte dort noch ein.

Mittlerweile hatte sich vor der Eingangstür des Ladens eine lange Schlange gebildet. Der kleine Geschäftsraum schimmerte schon von weitem in einem warmen Licht durch die eilig aufgestellten Windlichter, die auf den Regalen und der Theke aufgestellt waren. Wegen des großen Andrangs konnten immer nur wenige Kunden eingelassen werden. Und was sie alles kauften! Die Einkaufskörbe füllten sich mit Lebensmitteln, Kerzen, Streichhölzern und sogar Halterungen für die Weihnachtsbaumkerzen gab es hier. Immer mehr Waren holte Tante Emma aus dem Lager und die Leute rissen ihr diese fast aus den Händen!

An diesem Heiligabend war die kleine Kirche des Dorfes überfüllt. Die Leute saßen dicht gedrängt auf den Bänken, standen in den Gängen und dankten im stillen Gebet dem Herrgott für seine Hilfe. Am meisten aber dankte Tante Emma, denn sie hätte am Ende des Jahres ihren kleinen Laden aufgeben müssen. Aber das wussten die Leute nicht.

Und hat sich diese Begebenheit nun so zugetragen?

Leider nicht! Der kleine Laden musste schließen und Tante Emma ausziehen.