Tante Emma ist tot

 

Ich erinnere mich gerne an Tante Emma und den kleinen Laden in der Straße meiner Kindheit. Tante Emma hieß eigentlich Herr Lehmann und war Inhaber eines solchen Gemischtwaren-Ladens, den man heutzutage als Tante-Emma-Laden bezeichnet. Der Laden befand sich in einem kleinen, ja fast winzig zu nennenden Raum. Über eine schmaleTreppenstufe, durch eine braune verwitterte Holztür, betrat man also das Tante-Emma-Reich. Mit seinem weißen, gestärkten Kittel, der vorne wegen seines rundlichen Bauches stets geöffnet blieb, stand Herr Lehmann hinter dem Ladentisch, immer ein freundliches Lächeln auf seinem vollen Gesicht.

Die großen dickwandigen Glasbehälter auf der Ladentheke waren prall gefüllt mit schönen bunten "Klümpchen", wie man in unserer Gegend die Zuckerwerke nannte. Am begehrtesten waren Karamell-Bonbons und die mit buntem Zuckerguss überzogenen kleinen Lakritztropfen, die "Regentropfen". Auch kleine Lakritzrauten, die man sich als Stern mit etwas "Spucke" auf den Handrücken klebte und hinterher genussvoll ableckte, waren der Renner! Alles stand gut sichtbar und in Augenhöhe der Kinder direkt vorne auf der Ladentheke, die mit schmachtenden Augen davor standen. Doch kaum jemand hatte zu der Zeit ein paar Pfennige für die bunten Zuckerwerke übrig, weshalb viele Wünsche unerfüllt blieben.

Der Laden war zwar klein, hatte aber alles, was ein Haushalt so täglich brauchte. Da standen Zucker, Salz und Mehl in der einen Regalhälfte und  daneben Putzmittel und Waschpulver, welches damals noch in kleinen eckigen Tüten verpackt war und immer nur zum Waschtag gekauft wurde, in der anderen Hälfte. Nähzeug, Stopfgarn, Wäscheknöpfe und Gummiband waren ebenso zu finden, wie auch eine Auswahl an Nägeln und Schrauben. Gemüse und Kartoffeln sowie klein gehacktes Holz zum Anfeuern des Kohleofens standen auf dem Fußboden vor der Theke in einer Ecke. Und dann gab es noch einen Kühlbehälter mit frischer Milch, die in eine mitgebrachte Emaillekanne oder anderes Gefäß mit einem Hebel, der am Behälter angebracht war, abgemessen wurde. Butter, Käse und Wurst lagen unter einer Abdeckhaube, frisches Brot gab es jeden Morgen. Ich erinnere mich, dass ich mit der Milchkanne, dem Einkaufszettel und etwas Geld in einem kleinen Geldbeutel zum Einkaufen losgeschickt wurde. Wenn das frische Kasseler-Brot auf dem Zettel stand, konnte ich es kaum erwarten, die leckere Kruste des Kantens anzuknabbern.

Beim Einkaufen traft ich oft andere Kinder aus der Nachbarschaft. Wenn wir Milch in der Kanne dabei hatten, spielten wir "Milchkanne schleudern". Dazu wurde die volle Kanne schnell im hohen Bogen herumgewirbelt, wobei kein einziger Tropfen verschüttet werden durfte. Das hat immer geklappt! Irgendwie war man als Kind doch recht mutig, denn Lebensmittel waren teuer und das Geld sehr knapp! Eines Tages spielten meine Freundin und ich, wir waren damals um die fünf Jahre alt, kaufen und verkaufen. Dazu brauchte wir Geld, welches wir in Form von besonders hübschen Steinchen auf dem Hinterhof suchten. Wir fanden ein paar besonders schöne und dachten uns, dass wir dafür sicher auch ein paar Klümpchen bekommen könnten. Also machten wir uns auf zu Herrn Lehmann und verlangten jeder drei Regentropfen. Zum Bezahlen legten wir die Steinchen auf die Ladentheke. Herr Lehmann schaute erst verduzt, verzog dann sein Gesicht zu einem breiten Grinsen und zählte uns die begehrten Süßigkeiten in unsere schmutzigen Hände. Wir bedankten uns artig mit einem Knicks (das war früher aus Höflichkeit gegenüber Erwachsenen so üblich) und liefen kichernd aus dem Laden.

Als ich sieben Jahre alt war, verstarb meine Mutter und ich zog fort aus meiner Straße. Herrn Lehmann habe ich nie wiedergesehen. Nach ein paar Jahren hörte ich von meiner Großmutter, dass Herr Lehmann verstorben sei. Schon lange vorher musste er seinen kleinen Laden aufgeben, denn ein großes Geschäft hatte in der Nähe aufgemacht. Und so schloss einer nach dem anderen der gemütlichen kleinen Tante-Emma-Läden und gerieten in Vergessenheit.

Ja, Tante Emma ist tot!

Mit ihr verging auch eine Zeit des Miteinanders, der Einfühlsamkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber seinen Mitmenschen in der Nachbarschaft, die sich in der Not nach dem Krieg zusammen getan und allen ein Gefühl der Geborgenheit gegeben hatte.