Die Geschichte von Herrn Arm und Herrn Reich

            - Ein modernes Märchen -

Eines Tages waren die Banken geschlossen und niemand konnte Geld abheben. Auch Kreditkarten funktionierten nicht mehr...

 

Herr Reich

An einem ganz normalen Tag - ganz normal? - lenkte Herr Reich seine Nobelkarosse in Richtung Stadt. Sein "Liebling" brauchte flüssige Nahrung, weshalb er gezielt die nächste Tankstelle ansteuerte. "Hoffentlich ist es nicht so voll", dachte er. Er hatte keine Lust, lange an den Zapfsäulen zu warten und wollte so schnell es geht zurück. Schon von Weitem sah er eine lange Schlange Wartender, die schon bis zur Straße reichte und er erkannte, dass sich seine Hoffnung leider nicht erfüllte. Und so musste er sich wohl oder übel in die Autoschlange einreihen.

 

Herr Arm

An diesem Morgen schwang Herr Arm wohl gelaunt nach einem erquicklichen Schlaf seine Beine aus dem gemütlichen warmen Bett, griff nach seiner dicken Wolljacke, die in unmittelbarer Reichweite auf einem Hocker lag, zog sie flugs über, denn in seinem Häuschen war es an diesem Wintertag im Gegensatz zum warmen Bett doch ziemlich kalt. Noch bevor er sich angekleidet hatte, entfachte er in seiner "Kochmaschine", einem altertümlichen Herd, ein Feuer, stellte einen Kessel mit frischem Wasser für seinen Getreidekaffee, den man auch als "Muckefuck" kennt, auf die Herdplatte und begann seine Morgentoilette mit dem kalten Wasser aus seinem Brunnen. Herr Arm war nun mal nicht reich! Er wohnte weit ab vom Stadtkern, besaß dort ein altes kleines Häuschen, welches nicht an das Stromnetz angeschlossen war. Und so vermisste er nichts, was heutzutage bei allen Anderen üblich und nicht mehr wegzudenken war.

 

Herr Reich

Endlich ergatterte Herr Reich eine der Zapfsäulen und wollte gerade damit beginnen, den begehrten Sprit in seinen Nobelwagen zu füllen, als ihm der Tankwart den Zapfhahn mürrisch aus der Hand nahm. Verwundert über eine solche Unverschämtheit schaute Herr Reich mit hochrotem Kopf auf den wesentlich kleineren und jüngeren Mann herunter, baute sich in seiner vollen Größe und Breite vor ihm auf und wollte gerade so richtig mit seinem Protest in dem lautesten Ton, den seine Stimmbänder und der Resonanzboden seines Brustkorbes her gaben loslegen, als der Tankwart beschwichtigend die Hand hob. "Haben Sie Bargeld dabei?", fragte er Herrn Reich. Dieser zog seine Brieftasche aus der Jacke, schaute hinein und verneinte! "Aber ich habe Kreditkarten von vielen bekannten und renommierten Geldinstituten und hier ist sogar eine Goldkarte!" "Damit kann ich nichts anfangen!", schlug Herrn Reich die Antwort des Tankwarts wie eine Ohrfeige entgegen. Er drehte sich um, steckte den Zapfhahn wieder in die Säule zurück und bedeutete Herrn Reich, die Tankstelle zu verlassen, um Platz für die Wartenden zu machen. Und so musste Herr Reich unverrichteter Dinge mit dem kläglichen Rest Benzin in seinem Wagen den ergatterten und begehrten Platz an der Tanksäule verlassen.

 

Herr Arm

hatte mittlerweile seinen Getreidekaffee aufgebrüht und genoss sein Frühstück. Es bestand aus einem Pfannkuchen mit frisch gemahlenem Mehl aus seiner handbetriebenen Mühle, einem Ei, etwas Öl, Wasser und einer Priese Salz. Anschließend machte er sich daran, seine Hühner zu versorgen, welche ihm Eier und ab und zu auch mal Fleisch lieferten und grub in seinem Garten nach Topinamburknollen für sein Mittagessen. Nachdem die Arbeit getan war, ging er zurück in seine  gemütlich warme Stube und genoss den Vormittag in seinem alten abgewetzten Lehnstuhl, der direkt unter dem Fenster stand. Er begann mit dem Lesen eines seiner Lieblingsbücher und vertiefte sich in das Abenteuer des Robinson Crusoe!

 

Herr Reich

war sehr erbost über eine solche Unverschämtheit und machte sich schnurstracks auf den Weg zu seiner Bank, auf dem er ein dickes Polster an Banknoten auf seinem Konto wähnte. Fast schon wie in jungen Jahren mit seinem voller Elan geladenem Schwung sprang Herr Reich aus seiner Nobelkarosse, warf, ganz zum Gegenteil seiner Gewohnheit, die Autotür zu und steuerte mit schnellem Schritt die Pforte des großen Geldhauses an. Gerade, als er mit dem Ellenbogen gegen die Glastür drückte, sah er sich zu seinem Erstaunen einem ungewohnten Gegendruck gegenüber. Die Tür ließ sich nicht öffnen. Er versuchte es noch einmal und noch ein drittes Mal. Aber vergebens! Der Eingang blieb verschlossen! Mittlerweile war der Zorn in der Brust des Herrn Reich immer höher gestiegen und sein Kopf glich mit seinem Rot fast einer Tomate, die kurz vor dem Platzen zu sein schien. Schon von Weitem ließ er seine Autotür aufspringen, warf sich mit einem tiefen Ton der Entrüstung in seinen Sitz, ließ den Motor an und fuhr mit den letzten Tropfen in seinem Tank nach Hause.

 

Herr Arm

Viele Tage waren vergangen und die Hoffnung auf Öffnung der Banken hatte sich zerschlagen. Auc die großen Supermärkte waren mittlerweile geschlossen worden, denn die Leute, die noch Bargeld besaßen, hatten alles leergekauft und Nachschub ließ auf sich warten. Womit hätten sie auch bezahlen sollen! Deshalb holte Herr Arm am nächsten Morgen in der Frühe sein altes, aber gepflegtes Fahrrad aus dem Schuppen und bepackte es mit einem großen Korb voller Eier, Topinambur, Winterporree und Grünkohl. Das Gemüse hatte er schon im Morgengrauen frisch aus dem Garten geholt, welches unter einer Abdeckung geschützt auch im Winter zu ernten war. Nun wollte er damit auf den Markt fahren, um es gegen andere Lebensmittel und weiteres Nützliche einzutauschen. Als er auf dem großen Platz ankam, war das Tauschgeschäft schon in vollem Gange. Mittlerweile hatten auch die Letzten bemerkt, dass es kein Geld mehr gab, Kreditkarten nicht angenommen wurden und die Bank geschlossen blieben.

 

Herr Reich

musste nun einsehen, dass er seinem Namen nicht mehr gerecht wurde, denn als reich war er seit kurzem eigentlich nicht mehr zu bezeichnen. Ja, sicher, er besaß noch ein großes Haus mit einem wunderschönen englischen Garten und Swimming-Pool, aber kein einziger Obstbaum oder -strauch war gepflanzt, geschweige denn ein Gemüsegarten darin angelegt worden. Es gab ja alles im Überfluss zu kaufen. Und ja, er hatte eine wunderschöne Nobel-Karosse, aber was nutzte sie ihm, wenn er das Benzin nicht bezahlen konnte. Und so machte sich Herr Reich auf den für ihn beschwerlichen und ungewohnten Fußweg auf zum Markt. Schon aus einiger Entfernung bemerkte Herr Reich das rege Treiben an den größeren Marktständen, bei denen die kleinen Händler ihre Waren zum Tausch vorzeigten. Nic.ht immer kam es zu einem erfolgreichen Abschluss, denn die Händler nahmen nur Waren an, die sich gut tauschen ließen. Doch irgendwann kam jeder zu dem, was er benötigte und der Tausch war abgeschlossen. An einem Stand mit frischem Brot, Butter, Käse und Eiern reihte sich Herr Reich in die Schlange der Wartenden. In der Tasche seines Mantels tastete er mit vor Kälte klammen Fingern seiner Hand nach dem, was er zum Tauschen mitgebracht hatte. Aufgeschreckt aus seinen Gedanken hörte er die Stimme des Markthändlers, die an ihn gerichtet war: "Was wünschen Sie und was haben Sie anzubieten?", drang es an sein Ohr. Herr Reich zog etwas aus der Tasche, um es mit leicht vor Kummer feuchten Augen ob des baldigen Verlustes vorzuzeigen. "Pfff", entglitt es dem Händler als er sah, was darin war. "Das möchten Sie eintauschen?" "Ja, antwortete Herr Reich, ich brauche etwas zum Essen und ich habe nichts Geringeres als dies." "Nun gut!", antwortete der Verkäufer, "aber kommen Sie mir nicht später und wollen es zurück haben!" Mit einer großen Tasche voller Lebensmittel machte sich Herr Reich auf den Heimweg und war froh, für ein paar Tage keinen Hunger leiden zu müssen. Was war ein glitzerndes Etwas schon wert, wenn sich der Magen vor Hunger knurrend meldete.

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Viele Monate lang ging es so weiter und Herr Reich hatte nichts mehr zum Tauschen übrig. Seine Stimmung sank von Tag zu Tag und endete in einer tiefen Depression. Herr Reich war im Laufe der Zeit sehr arm geworden, doch damit wollte er sich nicht abfinden! Er musste wohl oder übel damit beginnen, in seinem Garten Gemüsebeete anzulegen. Und das musste er erst einmal lernen.

Und wie ging es Herrn Arm? Er war zwar immer noch arm, aber das machte ihm nichts aus, denn er kannte es ja nicht anders. Er hatte auch nichts verloren so wie Herr Reich. In seinem Garten gackerten die Hennen und die ersten zarten Gemüsepflänzchen steckten ihre frischen grünen Spitzen aus dem Frühlingsboden.

Und so nahm bei Herrn Arm der Kreislauf des Jahres seinen gewohnten Gang!