Der Muttertag

 
Es war Samstag, der Tag vor Muttertag.

Der Postwagen war schon ein paar Häuser weiter zu sehen.

Die alte Dame konnte es kaum erwarten, denn heute kam ganz sicher endlich ein Kartengruß zum Muttertag, auf den sie Jahr für Jahr sehnlichst wartete, für sie an. Das gelbe Auto mit dem schwarzen Posthorn darauf kam näher und näher und hielt endlich vor der Tür des kleinen alten Hauses, in dem sie wohnte. Tatsächlich! Der nette Postzusteller stieg aus und brachte Post.

Das Herz der alten Dame klopfte vor Aufregung und konnte nicht schnell genug die Klappe des Postkastens öffnen. Heraus fielen Werbung, Kataloge und.... NICHTS! Kein Brief, keine Karte, kein Gruß!

Langsam füllten sich die alten Augen mit Tränen. Es war, wie schon so oft, wieder nicht an sie gedacht worden. Langsam, wie in Zeitlupe mit schleppendem Schritt ging sie zurück in ihre Wohnung und ließ sich in ihren Lieblingssessel fallen. Szenen ihres Lebens aus der Zeit mit ihrem Kind flogen an ihr vorüber wie ein Vogel mit schnellem Flügelschlag und ließ sie bald in ihrem Sessel einschlafen.

Am nächsten Tag, welcher der Jahrestag der Mütter war, wurde die alte Dame erst sehr spät wach. Vielleicht war heute an sie gedacht worden? Vielleicht stand ein Blumenstrauß mit einem Gruß von ihren Liebsten vor der Türe? Schnell schob sie die Bettdecke herunter, schwang ihre Beine wie eine Jugendliche aus dem Bett und machte sich schnurstracks auf den Weg zur Tür, riss sie auf und …

davor lagen ein paar Zweige, die aus einer Hainbuchen-Hecke und einem Kirschbaum herausgeschnitten waren, dazu noch ein Zweig des „Tränenden Herzens“, welches im Garten gerade ihre Blütenknospen aufspringen ließ mit einem Zettel worauf stand: „Alles Gute zum Muttertag!“

Die Tränen liefen der Alten Damen nur so übers Gesicht und wollten gar nicht mehr aufhören. Da hatte doch jemand tatsächlich an sie gedacht. Jemand, dessen Mutter sie nicht war, aber von ihrem Leid und ihrer Sehnsucht wusste. Dies war der schönste Tag in ihrem Leben.

Glücklich, das Tränende Herz und den Zettel in der Hand setzte sie sich in ihren Lieblingssessel und machte ein kleines Nickerchen.

Am nächsten Tag kam ihr Kind zu Besuch. Er klopfte an der Tür, rief laut ihren Namen und versuchte, durch die Fensterscheiben der kleinen Erdgeschoss-Wohnung hineinzusehen. Es rührte sich nichts.

Ein Hausmeister öffnete endlich die Tür zur Wohnung.

Und was sie dort sahen....

Die alte Damen saß mit einem glücklichen Lächeln in ihrem Lieblingssessel, im Arm das Tränende Herz und den kleinen Zettel mit der Botschaft, der auf ihrem Schoß lag. Sie war eingeschlafen. Ein Schlaf für die Ewigkeit.