Baum der Erinnerung

 

Vor langer Zeit lebte einst eine alte Frau ganz allein in ihrem Häuschen am Rande einer kleinen Stadt, die etwas ländlich in herrlicher Gegend lag.

Rundherum war das Haus mit einem schönen Garten versehen, in dem sich Pflanzen und Tiere wohl fühlten.

Abends, wenn im Sommer ein laues Lüftchen um das Haus wehte und die letzten Strahlen der Sonne auf die Gartenbank fielen, setzte sie sich darauf, und gedachte ihrer Lieben, die im Laufe der Jahre von ihr gegangen und sie alleine zurück gelassen hatten. Wehmütig schaute sie in den Himmel und beobachtete die Sonne, die sich langsam vom Tag verabschiedete. Ihr Blick fiel auf den stattlichen Baum neben der Eingangstür. Oh ja, diesen hatte sie damals mit ihrem Mann zusammen gepflanzt, als sie in das Haus einzogen. In die Rinde des noch jungen Bäumchens ritzten sie neben einem Herz ihre Namen und später, nach der Geburt der Kinder, weitere kleine Herzchen dazu.

Wie sie nun so in ihren Gedanken versunken dasaß, begann es immer stärker im Wipfel des Baumes zu rauschen. Immer stärker drang das Geräusch in ihren Ohren und es war ihr, als wisperten leise Stimmen aus den Blättern. Immer deutlicher vernahm sie Worte, die nur sie allein verstehen konnte.

Mit großer Anstrengung und müden Beinen erhob sich die alte Frau von der Gartenbank, lenkte ihre Schritte schleppend zu dem Baum und schaute suchend an der Rinde entlang. Ja, die Herzen waren fast nicht mehr zu sehen, so hoch waren sie mit den Jahren gestiegen, so hoch, wie der Baum gewachsen war.

Tränen füllten ihre Augen und rannen langsam durch die Furchen des Alters über ihr Gesicht, als sie daran dachte, wie schön es damals war. Wie sie mit ihrem Mann den Garten gestaltet hatte mit den vielen Blumen, den Bäumen, dem kleinen Teich. Was für eine Freude es war, jeden neuen Tag die Tiere zu begrüßen, die so gar keine Angst vor ihnen hatten. Sie wussten, hier würde ihnen niemand etwas zu Leide tun!

Wehmut überkam sie erneut. Mit einem tiefen Seufzer umarmte die alte Frau ihren Baum ganz fest und verharrte lange in dieser Umarmung!

Viele Jahre später! Der Garten um das kleine Häuschen war verwildert. Niemand war mehr da, um die Tiere zu begrüßen, niemand der sich an den Farbenpracht und dem Duft der Blumen erfreute. Die alte Frau war fort gegangen. Niemand wusste wohin, niemand hatte sie je wiedergesehen. Und so entschloss man sich, das alte Haus abzureißen, den Garten zu ebnen und viele neue Häuser rund um den Teich zu bauen. Den alten Baum ließ man aber stehen, da der Stamm so eine merkwürdige Rinde hatte. Und wer genau hinschaute sah, dass er mit den Herzen ganz oben in der Rinde aussah, als würde er von einer alten Frau umarmt.